Aus der Praxis haben sich seit längerem die nachfolgenden Beweggründe für die Gründung und das Betreiben von solchen konzerneigenen Gesellschaften herauskristallisiert:
– Partizipation am Underwriting Ergebnis mittels Rückversicherung
– Erlangung von schneller Transparenz über die eigenen Konzernrisiken, insbesondere nach erfolgten M&A Aktivitäten
– Zugang zum internationalen Rückversicherungsmarkt und zu neuen alternativen Märkten, um Arbitragestrategien umzusetzen. Hierin stehen Preis-, Kapazitäts-, und Deckungs-Arbitrage im Vordergrund.
– Mögliche Bewältigung von (z. T. auch länderspezifisch) schwer zu versichernden Risiken.
– Strukturierte Bewältigung von neuen Risiken wie z. B. Cyber.
– Stärkung des Kerngeschäftes der Konzern- Gesellschaften durch z. B. an die Captive rückversicherte Extended Guarantee- Versicherungen.
– Die Verfolgung eines ganzheitlichen (holistischen) Risikoansatzes durch die Einbindung von sogenannten Employee Benefit Versicherungen.
Marktrecherchen von Zurich haben ergeben, dass weltweit rund 1.550 Unternehmen über Captives verfügen (Stand 2015), wobei eine einzelne Muttergesellschaft über mehrere regionale Captives verfügen kann. Häufig besteht eine Captive in den USA, eine weitere in Europa und eine dritte in Asien. So erstaunt es nicht, dass das Captive Review Magazine per Ende 2016 die globale Anzahl von Captives mit 6.6182 Gesellschaften beziffert.
Captive-Eigner können ihre Captive für den Zugang zum Rückversicherungsmarkt nutzen. Dies kann zu einem veränderten Rollenverständnis von Erst- und Rückversicherer führen. Schon heute lassen grosse europäische Captive-Eigner die Industrieversicherer substanzielle Teile der Prämien und Deckungen aus den jeweiligen Erstversicherungsprogrammen an ihre Captives zedieren. Hierbei stehen bei sehr grossen europäischen Captive-Eignern Jahresprämien von bis zu 100 Millionen EUR zur Disposition, woraus man leicht das Geschäftsvolumen des weltweiten Captive-Marktes erahnen kann. Für mittelgrosse Industrieunternehmen, welche nicht die kritische Grösse zum Betreiben einer eigenen Captive aufweisen, bietet sich die Möglichkeit der Nutzung von Protected Cell Companies (PCC) an. PCCs erlauben die Nutzung einzelner Zellen für Versicherungs- bzw. Rückversicherungszwecke, wobei der administrative Aufwand mehrheitlich vom Kern bewältigt wird und nicht von jeder Zelle einzeln im vollen Umfange getragen werden muss. Im europäischen Solvency 2 Raum werden derzeit an den Standorten Malta und Gibraltar solche Konstrukte angeboten.
Liechtenstein hat vor Jahren durch eine Anpassung des Gesellschaftsrechts Protected Cell Companies eingeführt 3. Der Versicherungswelt bleibt diese Innovation aufgrund von Zweckeinschränkungen aber bis anhin noch verschlossen. Für mittelgrosse Industrieunternehmen könnte allenfalls auch die Schaffung von sogenannten Verbands-Captives sinnvoll sein. Hierbei würden mehrere Unternehmen anstreben, ihre Einkaufskraft in Bezug auf die Versicherungsaktivitäten über eine Dachorganisation zu bündeln. Solche Konzepte sind derzeit noch überwiegend in den USA vorzufinden. Industrieunternehmen, die die Nutzung eines Captive- oder PCC-Konzepts prüfen, werden in aller Regel zunächst eine Machbarkeitsstudie durchführen. Neben den Standortkriterien ist hierbei eine detaillierte Analyse der für eine Risikoübernahme in Betracht zu ziehenden Versicherungssparten unerlässlich.
Für eine Risikoanalyse muss die Struktur der Versicherungsaktivität im Hinblick auf die Art und Dauer der Deckung, sowie deren Limiten und auch die erwarteten Prämienflüsse exakt definiert werden. Um Deckungslimite und potentielle Retrozessionsebenen quantifizieren zu können, wird Captives / Captive-Eignern empfohlen, eine sogenannte Quantitative Risk Analysis (QRA) durchzuführen oder in Auftrag zu geben. Hierin werden anhand von historischen Schadendaten sowie von aktuellen Exposure Informationen und unter Berücksichtigung einer Einschätzung der zukünftigen Exposure Entwicklung mehrere Tausend Jahre an Schadenszenarien simuliert. Gestützt auf diese den jeweiligen Charakteristiken des Risikos angepasste Simulationen lassen sich nun individuell optimale Rückbehalte definieren sowie den Versicherungslimiten angepasste Prämienempfehlungen. So können je nach Risikoaffinität die totalen Risikokosten, die sich aus der Summe der Opportunitätskosten (Kapitalkosten), sowie der Risiko-Transfer-Kosten (Prämien etc.) ergeben, individuell minimiert werden. Eine Captive hat hier relativ grossen Spielraum. Beispielsweise kann sie sich unter anderem bei angenommener geringer Risikoaffinität einerseits durch ein Per-Occurrence Limit mit einer maximalen Belastung pro Schadensfall absichern. Andererseits kann sich die Captive zusätzlich mit einer sogenannten Stop Loss Deckung gegen Frequenzschäden schützen und so exakt die maximal mögliche Belastung durch anfallende Schadenzahlungen festlegen. Zeichnen Captives das jeweilige Risiko nicht als Erstversicherer, sondern als Rückversicherer, müssen sie die Dienste eines Erstversicherers in Anspruch nehmen und können folglich von dessen professioneller Infrastruktur profitieren. Vor allem beim Pooling von weltweiten Risiken ist dies ein nicht zu unterschätzender Vorteil.